WMDEDGT Dezember 2017

Frau Brüllen fragt wieder was wir am Monatsfünften getan haben.

Ich stand pünktlich um 7:30 Uhr auf, als der Wecker klingelte und kochte mir einen Kaffee. Ich wollte noch unseren Gast abpassen, der sehr früh aus dem Haus gehen würde. Wir redeten noch kurz ein bisschen, er ist Fern-Student an einer Universität in Berlin und hatte eine große Präsentation zu halten, dann nahm er sich noch ein Kaffee und ging. Danach räumte ich das Gästezimmer auf, zog das Bett ab, lüftete und machte eine Waschmaschine fertig. Seit wir anfangen zu packen und warten, dass das kleine Haus frei wird, vermieten wir nämlich ein Zimmer an Berlingäste.
Dann frühstückte ich Ananas und Banane mit Joghurt, trank  zwei Tassen Kaffee und las das Internet leer.
Ich putzte kurz das Gästezimmer und bezog das Bett neu, denn der nächste Gast würde ziemlich früh kommen.
Später schaute ich mir an, was ich an meinem Hausmantel noch zu machen hätte. Das zieht sich nun schon ziemlich lange hin, aber ich komme immer nur dazu ein paar Nähte zu machen, beziehungsweise wieder aufzutrennen. Abends bin ich immer viel zu müde dazu.
Gegen 12:00 Uhr kam der neue Gast, ein Spanier aus London, der ziemlich müde und durch den Wind war, er sah nach Liebeskummer aus.

Ich packte mein Strickzeug ein und fuhr mit der Straßenbahn nach Pankow, da das Kind nun bald nach Oranienburg zieht, wollte ich noch einmal das Enkelkind bepuscheln und die beiden hätten derweil Zeit, Kisten zu packen. Auf dem Weg zu ihrer Wohnung kam ich beim Fleischer vorbei und kaufte einen Riesenberg Hackfleisch,  unsere Vorräte waren aufgebraucht. Außerdem nahm etwas Mittagessen für mich mit, es gab nämlich Jägerschnitzel. Bei Kind und Schwiegersohn angekommen, aß ich mein Mittagessen und schaute zu, wie sich das Enkelkind den Kürbisbrei im Gesicht verteilte.
Gegen halb zwei schnallte ich sie mir vor den Bauch und ging mit ihr eine reichliche Stunde spazieren. Sie schlief natürlich sofort ein, und wurde nur kurz wach, wenn ein lautes Flugzeug über uns hinweg flog oder ein Auto hupte. Kam ungefähr gegen halb vier Uhr zurück, es war schon fast dunkel  und spiele noch ein bisschen mit dem kleinen Mäuschen. Sie fand es natürlich wesentlich interessanter, ihren Eltern zuzuschauen, was gerade alles in Kisten verschwindet. Ich lockte sie dann immer wieder weg, in dem ich mit einem Spielzeug klapperte. Ich glaube, sie robbte an diesem Nachmittag gut 100 m. Da sie mit ihren acht Monaten noch in der Phase ist, wo sie alles anknabbern muss, biß sie mir in den großen Zeh. Das tat ziemlich weh! Als ich Aua! schrie, fing sie natürlich fürchterlich an zu weinen. Aber sie war dann schon bald getröstet.
Gegen 17:30 Uhr versuchten wir, ob sie vielleicht mit mir im Schlafzimmer ein bisschen schlafen wollte. Nun sind die ein Schlafrituale moderne Eltern nicht unbedingt deckungsgleich mit denen, die Mode waren, als das Kind ein Baby war. Da legte man das Baby ins Bett, deckte es zu, legte es wieder hin, deckte es zu und wiederholte das noch ein paarmal, bis das Kind eingeschlafen war. Ich hatte mir das Enkelkind von den Bauch geschnallt, in der Hoffnung sie schläft dann. Aber sie interpretierte das als Kindesentführung und schrie gar fürchterlich. Als das Kind dann wieder ins Zimmer kam, strahlte sie über alle Backen und ließ sich bei Mama auf dem Arm verwöhnen. Also so richtig klappt das mit dem Omaservice nicht.
Ich kuschelte mit ihr noch ein bisschen und fuhr gegen 18:30 Uhr wieder nach Hause.
Mein Bruder hatte sich inzwischen gemeldet. Wir verständigen uns darüber, was unsere Mutter zum Geburtstag bekommen sollte. Dabei schickte er mir noch ein wunderbares Foto. Im guten alten Oderkaff hat jemand seinen Leichtflieger so präpariert dass er, um seinen Enkel am ersten Advent zu erfreuen, als Weihnachtsmann mit beleuchtetem Rentier über den Himmel flog. Jeder weiß, wer es war, keiner sagt was, weil ansonsten womöglich die Fluglizenz weg ist.

Zu Hause angekommen, begleitete ich den Grafen noch kurz in den Asiaimbiss und machte mir zu Hause ein Leberwurstbrot. Ich war furchtbar müde, um 20:00 Uhr saß ich mit kleinen Augen auf dem Sofa und um 21:00 Uhr ging ich einfach ins Bett.

Das war also mein Tag, die anderen Einträge stehen hier.

Eigentlich nicht

Edit: Die Diskussion über sexuelle Belästigung ihn Berufsleben und Alltag ist eine endlose Tapete, gemustert mit dem patricharchen Stereotyp „Damsel in Distress“ oder Deutsch „Jungfrau in Nöten“. Gemischt mit einer guten Portion Voyeurismus, nicht umsonst sagt man der modernen westlichen Welt Sexbesessenheit nach.

Man kann es nicht laut genug sagen: Es geht nicht um Sex. Sex ist ein Symptom, nicht die Ursache. Es geht um Macht und direkten Zugang zu Ressourcen, um das Messer und den Tortenheber, um das richtige Stück vom Kuchen abzubekommen.

Bei der Damsel in Distress-Diskussion zu bleiben, heißt, bei der Definition zu verharren, daß der größte Wert einer Frau ihre sexuelle Unversehrtheit ist und andere über den Wert bestimmen, während er Frau allerhöchstens die Ja/Nein-Entscheidung über ihre Unversehrtheit zugebilligt wird. Objekt mit Schlüssel. Aber kein freies Subjekt.

Edit Ende.

Vor ein paar Wochen dachte ich noch, och nö, bitte nicht schon wieder so ein Hashtagaktivismus, bei dem sich Frauen alles von der Seele brüllen und hinterher so weitermachen wie bisher, weil sie glauben, eskalieren und brüllen reicht schon für Veränderung. Nun weiß das jeder von Ehekrächen, rumbrüllen ist nur ein Ventil. Schweigend das eigene Verhalten zu ändern, um das Gegenüber in Bewegung zu bringen – womöglich um den Preis des beiderseitigen Verlustes von Teilen der Komfortzone – ist zielführender.

Überhaupt ist Veränderung nie einseitig. Wer vom Gegenüber Veränderung verlangt, stellt das gesamte Setting um und muss sich ebenfalls bewegen. Die eigene Rolle wird eine andere.

Ich bin immer wieder erstaunt darüber, wie wenig Frauen in (West-)deutschland ernst genommen werden und wie rigide die konservativen Mann-Frau-Machtstrukturen sind, die Belästigungen und Übergriffe erst entstehen lassen*. Betrachte ich, wie gelernt und kommod das Leben in diesen Machtstrukturen für Frauen sein kann und wie anstrengend das Leben „draußen“, verstehe ich die Zählebigkeit der Strukturen.

*Machen wir uns nichts vor. Es geht in den seltensten Fällen um Sex. Kein Mann, der eine Frau blöd angeht, rechnet damit, dass sie sich ihm beeindruckt hingibt. Die Botschaften sind „weil ich es kann, Mäuschen und du nicht“ oder „eine Frau wie dich bekomme ich nie im Leben, dann zeige ich dir wenigstens, dass du noch weniger wert bist als ich“ (tbc).

Irgendwann schrieb ich, darüber befragt, wie das denn war im Osten mit dem Liebesleben, „es war wild“. Aber der wesentliche Unterschied war, dass Frauen keine sexuellen Objekte waren. (Zumindest nicht in meiner Generation.) Die Frauen waren wirtschaftlich selbständig, verdienten so viel und manchmal auch mehr als die Männer. Also gab es keine Verknüpfung zwischen Beziehung, Sex und Versorgung. Eine „alleinstehende“ Frau wurde nicht in erster Linie an ihrer F*ckbarkeit/Attraktivität/Erreichbarkeit bewertet (dieser schmale Grat, die Ambivalenz: Heiße Braut oder Schlampe?).
Es war kein Riesenereignis, wenn eine Frau im Chefsessel saß. Wenn ideologisch und fachlich alles ok. war, ging das fix.

Allerdings war es nicht so, dass die Männer darüber erfreut waren. Im Krankenhaus meines Heimatkaffs ließ sich eine Chirurgin die Gebärmutter entfernen, damit sie stundenlange OPs durchhielt. Um dem satten Chefarztgrinsen, Frauen müssten doch ständig aufs Klo, etwas entgegenzusetzen.
Meine Mutter erhielt jahrelang obszöne Anrufe. Ich bin mir sehr sicher, dass der Anrufer einer ihrer Untergebenen war, eine dummes, rotzfreches Arschloch, den die Stasi ihr hingesetzt hatte.
Ich hörte vom Kindsvater mehr als einmal „aber du bist doch nur ein Mädchen“(scherzhaft vorgetragen, mit bitterernstem Kern), wenn ich Zukunftspläne schmiedete.
Auf dem Dorf waren die jungen Agronomieaspirantinnen „det Fleesch“ und trotzdem war die nächste Generation, die die alten Säcke in der Chefetage demnächst ablösen würde, weiblich.

Die Hoffnung, Dinge nur laut genug anzuprangern, damit die Schuldigen einsichtig ihr Verhalten ändern, ist relativ gering. Die Schicht an dumpfem Alltagssexismus war in der wesentlich gleichgestellteren Gesellschaft der DDR ebenfalls da. Die Frauen waren nur weniger kränkbar und stabiler. Es war nicht ihr Kernwert, ein schützenswertes sexuelles Objekt zu sein. Sie fühlten sich nicht sofort als Opfer, wenn ein Idiot sich daneben benahm und konnten sich bei Übergriffen ziemlich gut wehren.

(Mir fehlte es oft sehr, als Frau nur durch Frau sein Dinge bewirken zu können. Schutz und Aufmerksamkeit zu bekommen, geborgen zu sein. Das weibliche Spiel von Attraktivität, Anziehung und Verweigerung zu spielen.
Anderseits wußte ich, dass die Welt, in der sich die Frauen-Frauen bewegten, klein und beschränkt war. Bürgerliche Freiheiten, Werte und Wohlstand gab es in dieser proletarisierten Gesellschaft kaum noch. Meine Großmutter war die erste und letzte der Familie, die ein großes Haus führte. Sonst hatte kaum jemand die Ressourcen dafür.
Und: Das, was Männer machten, war viel interessanter. Sie gingen in die Welt, erlebten Abenteuer, machten Erfindungen, schufen große Dinge. Und diese Männerwelt stand im Sozialismus den Frauen offen. Warum sollte ich in einer kleinen Welt hocken bleiben und Mangel verwalten?
Trotzdem wußte ich, dass der Preis hoch war. Frauen arbeiteten doppelt und dreifach. Für den Job, den Haushalt und die Familie. Das war extrem hart.)

Mir fällt noch etwas dazu ein. Wenn die viktorianische Epoche das Sexuelle rigide verdrängte, dann war es, weil in den Städten die Spielregeln des Dorfes nicht mehr funktionierten. Im Dorf kannte jeder jeden und wußte man, wer welchen Stand hatte oder aus welcher Familie kam. Welche Konsequenzen der Kontakt zwischen den Geschlechtern hatte. Welche Paarbeziehungen existierten oder angebahnt wurden und welche Frauen niemand und damit allen gehörten.
In der modernen Welt ist Geld- und Einflussakkumulation kein dynastisches Spiel mehr. Frauen sind als Instrument, Pfand und Verhandlungsmasse für Machterhalt nicht mehr nötig. Sie müssen nicht mehr als Gebärerinnen von Söhnen, den Kraftmaschinen der Familie, herhalten. Zugang zu Wohlstand nicht mehr von Körperkraft und Aggressivität bestimmt, sondern von Bildung.
Bildungsressourcen können nicht mehr verschwendet werden, weil immer weniger geeignete Menschen für die übriggebliebenen teilweise hoch anspruchsvollen Arbeitsplätze zur Verfügung stehen. Es macht keinen Sinn mehr, Frauen teuer zu bilden und sie dann in niedrigschwelliger Familienarbeit einzusetzen.
Also begegnen sich Frauen und Männer in der Arbeitswelt neu. Sie müssen nun auf Augenhöhe zusammen arbeiten und konkurrieren miteinander. Dafür braucht es neue Spielregeln.

Insert: Die sexuelle Revolution hat Sex und Zeugung und Sex und dauerhafte exklusive Paarbeziehungen entkoppelt. Trotzdem haben sich in Deutschland die Hausfrauenehe und der Mann als Familienernährer lange gehalten. Ergebnis ist die sonderbare Gemengelage von hochgradig sexualisierter Atmosphäre (Männer sehen in einer Allmachtsphantasie Frauen als Ansammlung von für sie immer verfügbaren T*tten und Ä*schen) und drögem, aber empfindsamem Biedermeier (Frauen haben das Bedürfnis nach übersichtlicher, kleiner Welt, solange der Lebensstandard stimmt).

In veränderten Bedingungen, wo Bildung, aber nicht Geschlecht über den Zugang zu bezahlter Beschäftigung entscheidet, knallt es immer dann, wenn die mit der Allmachts- und die mit der Empfindsamkeitsphantasie gegeneinander laufen.
Da werden sich eine Menge Allmachtsgefühle verabschieden müssen und es müssen dicke Felle über zarte Haut wachsen es muss der Wille (Druck/Lust, was auch immer) vorhanden sein, sich zu beteiligen, Verantwortung zu übernehmen, zu scheitern, Gegenwind zu bekommen.
Das Ziel ist Respekt voreinander, Allianzen schmieden.

***

Über das, was in der Entertainmentbranche abgeht, könnte ich lange Artikel schreiben. Das mache ich nicht, weil ich keine Namen nennen möchte. Es ist ein Fleischmarkt mit viel Angebot und Nachfrage. Es sind eine Menge narzisstische schwarze Löcher, wunderhübsche Supernovae und Borderliner-Pulsare in diesem Universum unterwegs.
Aus meiner Sicht: Ich habe eine Weile gebraucht, bis ich kapiert hatte, dass die Avancen, die junge attraktive Schauspieler mir machten, wenig mit mir zu tun hatten, sondern mit dem, zu dem ich Zugang verschaffen konnte. Ich für mein Teil wollte nie erpressbar sein und war nicht ansprechbar. Macht über andere hatte ich genug und Sex mit im Job Abhängigen machte mich nicht an.
Ich hörte da aber mal eine Geschichte über eine Kollegin, die im normalen Leben längst Rentnerin gewesen wäre. Sagen wir mal so, in heutigen Zeiten wäre das eine himmelschreiende sexuelle Belästigung gewesen. Einen ganzen Nachmittag lang, ohne viel Aussicht auf Flucht für den Mann. Er hätte sich wehren können, hätte gehen können und hat sich nach Stunden irgendwie charmant lächelnd aus der Affäre gezogen. Er wollte nicht allzu viel Porzellan zerschlagen, schließlich besorgte sie ihm die Jobs und hatte exzellente Verbindungen. Aber das ist schon länger her und die alte Dame ist nun schon einige Jahre tot.

Edit: Nicht gut? Wir waren uns doch immer einig, daß die Männer die Schweine sind. Die Geschichte ist mit Absicht gewählt und kein Einzelfall. Denn es geht um Macht und um Zugang zu Ressourcen. Es geht nur am Rande um Sex.